Ermland trifft Eifel – bemühte AUFERSTEHUNG (Ostermontag)

 

 

 

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Bemühte AUFERSTEHUNG …

… nach der Flucht an einem neuen Ort

 

Heute vor 70 Jahren genau – am 13. April 1950, kamen die ersten Ermländer (auch) nach Heckenbach.

Was sind denn Ermländer?

Menschen, die aus Ihrer Heimat in Ostpreußen, dem heutigen Polen, gegen Ende des Krieges vertrieben worden waren und die hier in der Eifel eine neue Bleibe, für die meisten wohl auch Heimat, gefunden haben. In unserem Falle Landwirte aus dem Ermland.

Das, was die Menschen erlebt haben, war die Hölle. Die Flucht, alles was man besaß, zu verlieren, teils Familienmitglieder zu verlieren, alles … Das Aufeinandertreffen mit den Menschen hier, mit den Einheimischen war – wie man sich denken kann – auch nicht immer einfach.

Bei allem Entsetzen darüber, bei aller Fassungslosigkeit über die Folgen eines brutalen Krieges, haben wir es uns –  und das nicht nur im Zusammenhang mit diesem Gedenktag –  hier auf dieser Plattform zur Aufgabe gemacht, Schönes in den Vordergrund zu stellen… auch zu diesem Thema. Es wird – und das ist wichtig und gut so – immer wieder informativ über das Thema berichtet! Hier ist es heute ein klein wenig anders.

Hier entsteht kein umfangreicher Beitrag, das ist schwer zu leisten….

… aber eine Gemeinde, die so geprägt ist wie unsere, von diesen Umständen, sollte zumindest

an einem solchen Tag im Kleinen daran denken.

Warum sich nicht auch einmal einige Menschlichkeiten in Erinnerung rufen

– ohne damit etwas beschönigen zu wollen…

Wir möchten Zwischenmenschliches, Fotos von Menschen für sich sprechen lassen…

den

M E N S C H

in den Mittelpunkt stellen.

 

Wie friedlich ist es uns doch heute vergönnt, zu leben. Wir müssen sehr dankbar sein.

 

Und wir würden alle nicht in dieser Konstellation zusammenleben,

Eifeler, Ermländer und weitere Zugezogene und Gäste,

wenn es damals nicht so gekommen wäre, wie es gekommen ist.

 

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Hier am Beispiel unseres „Musikvereins Niederheckenbach“ mit seinen vielen jungen Gesichtern – mit Wurzeln von überall her…

 

Ich (Anja Neißner) habe mir bei einem Spaziergang so ein paar Gedanken gemacht…

 

 

ANKUNFT

 

Bahngleise kurz vor der Ankunft

 

Das Leben führt uns immer wieder auf unerwartete Wege…

 

Ankunft in Brück April 1950

 

Endlich angekommen, große Sorge, aber auch ein Funke Hoffnung  …

 

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LÄCHELN

 

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… erstes Lächeln wird gewagt …

 

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Ankunft Hoch Acht

 

ZUSAMMENHALT

Hier in der Eifel musste das Land erst einmal zur Landwirtschaft nutzbar gemacht werden. In einem Buch von Franz-Josef Herrmann über „Das Ermländische Bauernvolk“ heißt es dazu:

„Hatten bereits die vergangenen, schweren Jahre der Entbehrung und des Hungerns uns schon arg mitgespielt, so zehrte die außergewöhnlich schwere Arbeit weiter an unseren Kräften. (…) Nur durch ganz festes Zusammenhalten und durch gegenseitige Hilfe wurde diese Zeit überwunden. Die Hoffnung, bald wieder Bauer auf eigener Scholle zu sein, ließ uns nicht erlahmen.

 

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DANK

Ebenfalls schrieb Franz-Josef Herrmann:

„In jener Zeit kam den Siedlern eine unerwartete Spende von ca. 70 Jersey-Kühen und 2 Bullen aus Amerika (…) Christliche Vereinigungen hatten dort von der Not des vertriebenen Landvolkes gehört, und Farmer, die selbst nur 3-4 Kühe besaßen, stifteten eine Kuh, um den Flüchtlingssiedlern den Anfang zu erleichtern. Wirklich eine hochherzige Tat echter christlicher Nächstenliebe, derer die Siedler in Dankbarkeit immer gedenken.“

(Anmerkung: sämtliche Fotos gehören nicht unbedingt genau zu den Texten!)

 

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Die (…) Ermlandsiedlung Ahrbrück erhielt auch einen ermländischen Geistlichen als Pfarrer. Er bezog zunächst eine Nebenerwerbssiedlung in Cassel. wo er neben Federvieh auch sein „Kuhchen“ hielt, das er durch eine amerikansiche Färsenspende erhalten hatte.“ (Anmerkung: eine Färse ist ein Rind)

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Pfarrer Dannowski und sein „Kuhchen“

 

GEMEINSCHAFT

Zweimal im Jahr (…) kommen alle Siedler und ihre Familien im neu erbauten „Ostpreußenkrug“ in Niederheckenbach zusammen, wo sie nach dem gemeinsamen Gottesdienst (…) bei Kaffee und Kuchen, einem Tänzchen und Theateraufführung den Nachmittag verbringen. Hier werden Erfahrungen ausgetauscht und in der neuen Heimat der alten gedacht (…)“

War das die Wiege unseres heutigen Kirchencafés? (Foto unten)

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Foto: Team Kirchencafé

MUSIKKLÄNGE

Laura (15) , deren Großeltern väterlicherseits aus dem Ermland hier in die Eifel gekommen sind, singt ein Lied, das von dort mit hierher gebracht worden ist:

„Land der dunklen Wälder“

 

Bei der Gelegenheit erinnerte man sich auch noch einmal amüsiert an den Moment, als die neuen Siedler bei ihrer Ankunft von der Winzergemeinschaft Ahr pro Familie Weiß- und Rotwein geschenkt bekamen. Alle waren ganz aufgeregt: Wein, wann gab es schon mal Wein?, das musste was besonderes sein, wie alle erzählten. Der Wein muss dann aber so ungewohnt sauer/trocken gewesen sein, dass ihn keiner trinken konnte.

 

Alltagsleben

Familienleben im einfachen, neuen Zuhause …

 

„(…) plötzlich kam Frau Sch., eine Eifelerin, zu meiner Mutter, einer Ermländerin, und fragte nach einer Karst (= Feldhacke):

„Künnt ihr mir mol ´ne Kaasch ussleie?“

(Hochdeutsch: Können Sie mir mal eine Karst ausleihen?)

Meine Mutter verschwindet und kommt mit einer Kerze zurück.

„Nee, nee, `ne Kaasch!“, sagte Frau Sch.

 

Gar nicht so einfach, wenn Dialekte aufeinander treffen…

 

… und draußen

 

 

KINDER

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3 Schwestern aus Beilstein vor der gerade neu gebauten Dorfstraße und der frisch gepflanzten Hecke

Eine der Schwestern erzählt:

 

Familie Austen – Beilstein (2) von Marlise Roseboom

 

Foto - Sommer 1952 in Beilstein Erwin Salditt, Brigitta und Sabine Austen

Foto – Sommer 1952 in Beilstein Erwin Salditt, Brigitta und Sabine Austen

 

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Freunde

 

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Erwin mit seiner Lieblingskatze in Beilstein

Er scheint auch ihr Lieblingserwin zu sein …

 

KIRCHLICHES LEBEN

Es wurde auch u.a. eine Kapelle (nicht nur) in Beilstein gebaut. Auf den unten stehenden Fotos wird sie gesegnet und eine Messe findet statt:

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NETTE GESTEN

Noch heute wird die Glocke täglich liebevoll von Familie Salditt/Hiller von Hand geläutet.

 

…und dazu gibt es noch eine Geschichte:

 

DIE NEUE UHR ODER DER GLÖCKNER VON BEILSTEIN

In einer Szene des Mehrteilers „Soweit die Füße tragen“ des noch jungen Fernsehens 1959 übergibt der Arzt eines sibirischen Gefangenenlagers seinem zur Flucht bereiten Mitgefangenen Clemens Forell eine Armbanduhr, deren Gehäuse zweiteilig ist. Klappt man den oberen Uhrenteil hoch, ist im unteren ein Kompass eingelassen.

Eine Uhr, die einem nicht nur anzeigen kann, was die Stunde geschlagen hat, sie gibt einem auch Orientierung in alle Himmelsrichtungen. Ein Zeitwerk, von dem ich so fasziniert war, dass ich mir über viele Jahre eine solche wünschte.

Es sind dann doch noch einige Jahrzehnte ins Land gegangen, bis ich mir ein solches Wunderwerk der Uhrmacherkunst geleistet habe. Nachtleuchtend, waterproof und im unteren Gehäuseteil der Kompass, ebenfalls nachtleuchtend.

Von der Ganggenauigkeit hatte ich mich schnell überzeugt, beim „Waterproof-Test“ war mir mal der Staffeler Bach, mal der Heckenbach behilflich, fehlte nur noch der Kompasstest. An einem sonnigen und Weitsicht versprechenden Sommertag klettere ich hoch in Beilsteins Wacholderheide. Oben angekommen, faltete ich meine Wanderkarte auf, norde sie mit meinem Uhrenkompass ein, suche auf der Karte meinen Standpunkt und den des Steinerbergs. Wie soll ich mein Glück beschreiben, bei der Peilung über die gedachte Linie, sehe ich im Fernen den Giebel des Steinerberg-Hauses sonnenhell leuchten.

Welt, du stehst mir offen. Großes Abenteuer und all das nur mit meiner neuen Armbanduhr am linken Handgelenk. Alles Entdecken aber doch zu seiner Zeit, gemach, gemach, zuerst will ich dann doch noch den Heimweg unter die Sohlen nehmen und da gehe ich über den Weg nach Beilstein, auch das ist ja schon ein kleines Abenteuer.

Noch habe ich nicht das erste Haus erreicht, läutet mir die Glocke der kleinen Kapelle entgegen. Eigentlich ja kein richtiges Läuten, eher ein Bimmeln und die Glocke auch eher eine Bimmel.

(jetzt das folgende Video starten, dann wird der Rest der Geschichte lebendig …)

 

Zwölf Uhr, High Noon. Wie doch die Zeit vergeht. Da mag schon etwas dran sein, wenn einer sagt, im Alter läuft die Zeit schneller. Aber wie das so auf der ganzen Welt Brauch ist, um 12 Uhr wird geläutet oder gebimmelt, so will es eben der Brauch.

Wie zufällig schaue ich auf meine Uhr, die Nachtleuchtende, wasserdichte und mit eingebautem Kompass, dieses Meisterwerk der Uhrmacherkunst zeigt mir 10 vor 12 an. Da hilft kein Rütteln und Glasklopfen, sie bleibt auf 10 vor 12, Elfuhrfünfzig.

Da träumt einer Jahrzehnte von einem präzisen Zeitwerk mit Kompass und dann wird dieser Traum zum Albtraum. Beilstein ist schon schlimm genug, man stelle sich mal vor, ich wäre da in Südamerikas Dschungel unterwegs, nicht auszudenken und was so einer Uhr recht ist, wird dem Kompass billig sein. Die Uhr ist kaputt.

Niedergeschlagen erreiche ich die kleine Kapelle, in deren Portal der Glöckner auf einem Stuhl sitzt und mit Andacht und Manneskraft die Bimmel im kleinen Türmchen zum Salto Mortale überreden will. Freundlich grüßt er zu mir rüber …

 

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Foto: Wilfried Freischem

 

… und lässt so nach und nach das kleine Glöckchen verklingen, bindet das Seil ordentlich an die Wand, schließt die Tür und kommt auf ein Schwätzchen zu mir. Dann das übliche, wohin, woher und ich höre aus seinen Tiefen die ostpreußischen Wurzeln. Dann schaut er auf seine Uhr und meint: „Au, schon fünf vor Zwölfe, um Punkt Zwölf steht bei uns das Essen auf dem Tisch und deshalb läut ich schon um Zehn vor Zwölfe, heute gibt es Königsberger Klopse, mein Leibgericht, die will ich nicht kalt werden lassen“, dreht sich um und geht seiner Wege.

Ja, so sind sie, die Ostpreußen, egal was die Welt macht, die machen das anders. Und heimlich streichle ich sanft über das Glas meiner Uhr, die Gute, die Nachtleuchtende mit dem Kompass, die ich keine fünf Minuten vorher noch ordentlich verdroschen hatte.

Auch diese schöne Begegnung ist jetzt schon wieder einige Jahre her. Das Leben geht weiter, oder auch nicht.

Es ist noch nicht lange her, da suchte der liebe Gott einen Glöckner, auf den er sich verlassen kann. Einer, der den himmlischen Heerscharen früh genug läutet, was die Stunde geschlagen hat. Da kamen dann nur die Besten in die engere Wahl. Und Siegfried, der Beilsteiner Glöckner, hat den Job da oben bekommen…

Text und Copyright: Wilfried Freischem

 

WERTSCHÄTZUNG

Einen Brauch haben die Ermländer mit hierher gebracht und er wird bis heute liebevoll von uns allen gepflegt!

Die Überreichung der Erntekrone:

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Von vielen Händen aus unserer ganzen Gemeinde wird diese Erntekrone jedes Jahr gebunden und – jetzt kommt das Schöne – an jemanden aus unserer Gemeinde überreicht, dem wir für ehrenamtliches Engagement DANKE sagen möchten.

Diese Erntekrone ist ein Symbol für Wertschätzung und Dank!

Bis heute tanzen junge Menschen aus der Gemeinde, und teils deren Freunde, den traditionellen Bändertanz um diese Krone herum und überreichen sie dann im Anschluss der entsprechenden Person, die vorher aus Vorschlägen aus der Gemeinde ausgewählt wurde.

 

 

TRADITION

Wie schön, dass wir diese Tradition beibehalten! Sie ist wunderbar!

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Die Heckenbacher Jugend mit der Erntekrone

 

Abschließen möchten wir diese kleine Erinnerung an die Zusammenführung verschiedenster Menschen und Bräuche, an diese

„…bemühte AUFERSTEHUNG“,

mit einem Lied, das uns allen lieb geworden ist, das aus dem Ermland mitgebracht worden ist und das wir bei vielen Festlichkeiten und bei nahezu allen Beerdigungen singen.

Es ist das

„Näher mein Gott zu dir“,

das Sabine Marienfeld hier für uns singt:

(Es ist stimmungsvoll, das folgende Video zu starten und dabei dann den Rest des Beitrages zu schauen)

 

Schön, dass wir hier alle zusammen leben,

lasst uns nie vergessen, wie wichtig es ist, dass wir

FRIEDEN

in die Welt tragen.

 

Kerze alt jung

Foto: Gordon Hiller

 

Ein großes Dankeschön an alle, die etwas zu dieser „Erinnerung“ beigetragen haben.

Es soll eine

ERINNERUNG

sein,

die die Vergangenheit und die Gegenwart ein wenig ineinander fließen lassen.

 

Es grüßt Euch alle ganz herzlich, auch von unserem Ortsbürgermeister Heinrich Groß,

für das Team des Kirchencafés Heckenbach

Eure Anja Neißner

 

AUFERSTEHUNG

 

Hoffungswort AN

 

GUTER GOTT, SEGNE UNS ALLE

 

Foto Löwenzahn AN

Foto: Anja Neißner

 

 

 

P.S. Wer sich noch etwas näher mit der Geschichte befassen möchte, findet unter dem nachstehenden Link des – wenn auch nicht mehr aktiven Vereins „Ermlandgemeinschaft Heckenbach“ – noch einige Informationen.

Dort findet Ihr gegebenenfalls auch die Liedtexte der beiden Ermland-Lieder (2.+3. Lied)

http://www.ermlandgemeinschaft-heckenbach.de/index.html

Ein herzlicher Dank auch an alle, die uns die Fotos zur Verfügung gestellt haben!